Nachruf zum Tod von Hermann Josef Lentz (verstorben am 09.03.2018)


Diejenigen, die ihn auch nur einmal gesehen haben, werden ihn nicht vergessen: Hoch aufgeschossen, klarer Blick, ruhige Stimme, wohl überlegte Worte, ein jedes saß, Notizen auf einem kleinen Zettel. So verliefen seine Sitzungen bei SCHULEN MUSIZIEREN ab, so seine Berichte im Bundesvorstand oder der Pontostiftung. Man konnte sich ihm nicht entziehen, Hermann Josef Lentz hatte eine ganz eigene Aura, die auf einer Deckungsgleichheit basierte: Der Balance von Reden und Handeln, von Denken und Planen.
 

Für einen Verband wie den damaligen vds und heutigen BMU war dies ein Segen. Als Lentz 1979 vom damaligen Bundesvorsitzenden Bernhard Binkowski gebeten wurde, eine recht waghalsige Idee umzusetzen, sagte er Ja, denn dem vds ging es damals um eines: Die vielen hervorragenden Aktivitäten in den Schulen des Landes nach außen zu tragen. Die Bedeutung der Schulmusik versteht sich nicht allein aus musikalischen Demonstrationen und entsprechenden Hochleistungen, sondern auch von dem ganz normalen wöchentlichen Unterricht. Aber in der kulturpolitischen Diskussion bedarf die immer gefährdete Schulmusik eines Gesichts. 

Schon bald legte Hermann Josef Lentz eine erste Skizze vor, wie man ein alle zwei Jahre stattfindendes Treffen von Schulensembles aller Bundesländer organisieren könnte. Ja, ein Treffen von musizierenden Schülern mit ihren Lehrern, aber kein Wettbewerb wie JUGEND MUSIZIERT, darauf legte er in allen Diskussionen großen Wert! Darum war es ihm äußerst wichtig, dass alle Schularten, alle Schulstufen einschließlich der Sonderschule in den Bundesbegegnungen (so nannte er diese Treffen) vertreten waren.

Jeweils ein Ensemble aus zunächst 11, dann 16 Bundesländern, also Chöre, Orchester, Bigbands nach Bonn, Berlin, Dresden einzuladen - wer soll das bezahlen, wer organisieren? Mit der Bundesgeschäftsstelle und insbesondere mit seiner Mitarbeiterin Edda Kropf hatte er eine tatkräftige Unterstützung, mit der Pontostiftung und dem Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft wurde der finanzielle Rahmen abgesichert. Denn der vds verfügte nicht annähernd über die notwendigen finanziellen Mittel. Aber Lentz war ein Meister der Drittmittelfinanzierung. Als „Bundesbeauftragter Schulen musizieren“ (auf diese Bezeichnung legte er in diesem Zusammenhang großen Wert) öffnete er Türen, die anderen verschlossen blieben. Warum das so war? Weil er vollkommen unideologisch hinter einem Grundsatz stand: Damit unser Staat überhaupt leben kann, bedarf er Inhalte, die sich nicht am Geld orientieren, sondern an der Sinnstiftung. Eine Sinnstiftung aber ist die Musik, genauer: ihre Sprache, die man am besten gemeinsam mit anderen spricht. Er selbst hatte dies nach dem Krieg mit seinem Geigenspiel zusammen mit anderen erfahren, in der Schule und später im Studium. Musik stiftet Gemeinschaft und Sinn zugleich. Dieser Grundsatz war vielen Politikern seiner Generation nicht nur nicht fremd, viele hatten auch eigene Erfahrungen mit der Musik gesammelt. Darum bekam Lentz auch jede Unterstützung - angefangen beim Bundespräsidenten und aufgehört beim Hausmeister, wie er selbst einmal sagte.

20 Jahre, 10 Bundesbegegnungen hat Lentz für den vds ausgerichtet, mit Durchsetzungsvermögen, Ausdauer und entsprechendem Erfolg. Als Älterer erinnert man sich noch an seine Berichte im Bundesvorstand, die von einer Genauigkeit waren, dass einem so manches Mal die Zahlen um die Ohren schwirrten. Um „seine“ ‚Schulen musizieren‘-Tagesordnungspunkte zu verstehen, brauchte man aber nicht alle Zahlen nachzurechnen. Da reichte Vertrauen. Dieses Vertrauen hat er nicht ein einziges Mal enttäuscht. Den Bundesvorsitzenden Ehrenforth, Zimmerschied und Bäßler war er stets deutlich erkennbar loyal - und das lag in seiner Person mit ihrer Unbestechlichkeit. Loyalität allerdings war für ihn nie eine Einbahnstraße, Lentz erwartete zu Recht auch umgekehrt die Loyalität ihm gegenüber. Im Bundesvorstand war dies unbestritten der Fall. 

Doch nicht leicht hatte er es mit einigen Bundesländern immer dann, wenn sie selbst eine andere Vorstellung davon hatten, wie wer anzureisen habe und was er präsentieren solle. Lentz hatte dabei stets das große Ganze im Blick, längst durchdacht und die Richtung vorgebend. So mancher Landesbeauftragter, so mancher Ensembleleiter sah es aber aus Sicht seiner konkreten pädagogischen Arbeit und ihren Notwendigkeiten. Hier Brücken des Verständnisses zu finden, war recht aufwändig und ging auch nicht ohne Schrammen und Enttäuschungen ab - ganz wie im richtigen Leben, wenn beide Standpunkte nachvollziehbar sind und dennoch Kompromisse gefunden werden müssen. Doch eines wussten alle, die ihn begleiteten: Lentz handelte nicht um seines Ego willen, sondern ausschließlich für die Sache, für das Gelingen der Bundesbegegnung. Und in diesem Wissen konnte man auch manche Bemerkung, manche Gereiztheit nachvollziehen. 

Oft fragte man sich nicht nur im Bundesvorstand, woher Hermann Josef Lentz seine Kraft nahm, physisch genauso wie mental, wenn er - als Schulleiter! - nach der Schule ins Auto stieg und zusammen mit der unermüdlichen Edda Kropf zu einer Sitzung in ein Ministerium fuhr. Hunderttausende Kilometer hat er auf deutschen Straße verbracht und die Fahrten als Vorbereitung für das nächste Gespräch verwendet. Eigentlich hätte dieser Botschafter der Schulmusik einen Fahrer haben müssen. Aber das gab das Budget natürlich nicht her. Also fuhr er selbst und kam - in der Sache perfekt vorbereitet - am Ziel an, verhandelte, stieg ins Auto und fuhr über Mainz zurück nach Altrip. Woher also die Kraft für eine so aufreibende ehrenamtliche Arbeit? Vermutlich aus der Überzeugung, dass Kinder und Jugendliche der Musik bedürfen; hier war ihm kein Aufwand zu schade!

Letztlich kann kaum jemand die musikalisch-politische Leistung Hermann Josef Lentz ganz ermessen, demjenigen im vds, der alles bis ins Kleinste durchdachte, der verhandelte, der Texte schrieb und der Stühle trug - ja, auch das! Und so kann man sagen: Lentz war da, wo man ihn brauchte, im Kleinen wie im Großen. Vielleicht ist das dann das Geheimnis gelingenden Lebens, des Lebens von Hermann Josef Lentz.

 

Prof. Dr. Hans Bäßler

 

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